Gastbeitrag
von Verena Dauerer,
Netzkunst-Expertin und taz-Autorin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  • Stelarc (australischer Künstler): Das Internet ist eine Art externes Nervensystem, Cyborg Body ist eine Vielzahl von Körpern, die übers Internet verbunden sind. Surfer steuern die Motorik.
  • Der Kunst-Browser, mit dem man die Struktur von Seiten sehen kann, heisst The Web Stalker und ist ein Projekt von I/O/D.
  • very busy.org ist eine deutsche Website für Netzkunst mit vielen Links
  • thing.net die amerikanischen Netzkunstpioniere
  • Reinhold Grethers Linksammlung

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Exkursion in die Wwweiten
des Cyberspace

Kommen Sie mit - auf eine kleine Reise von rätselhaften Zeichen bis zum Computerabsturz; eine Reise, bei der Ort und Zeit keine Bedeutung mehr haben.

Wir beginnen mit Net.Art:
Netzkunst bedeutet nicht einfach Kunst, die im World Wide Web präsentiert wird, sondern Kunst, die nur durch das Medium Internet produziert wird und dort existiert.

Ihren Namen verdankt sie einer Legende: Der Netzkünstler Vuk Cosic erhält 1995 eine anonyme E-Mail, die wegen ihrer Unkompatibilität nicht lesbar ist und nur aus einem sinnlosen ASCII-Zeichenwirrwarr besteht. Als einziges Wort kann er "Net. Art" entziffern. ->

Kunst von chatfiti, zur Homepage Eine Chat-Community greift zur Maus und malt. Das Ergebnis heisst "anarchy". (Screenshot chatfiti.com)

Später wird der Text entschlüsselt und er entpuppt sich als Manifest gegen traditionellen Kunstinstitutionen und für die Freiheit und Unabhängigkeit der Künstler:

"All dies wird möglich erst mit dem Aufkommen des Netzes. Kunst als Begriff wird überflüssig..." Das Manifest wurde nach einem Computerabsturz leider von der Festplatte gelöscht. Diese Geschichte scheint kurios und gibt doch genau die Unklarheit darüber wieder, wie man der Kunst im Internet begegnen soll: Ist sie ein Fake wie die Kampagne der Künstlergruppe etoy, will sie subversiv sein wie die mutwilligen Irritationen von Jodi oder ist sie nur ein Zufallsprodukt mangelhaft programmierter Seiten?

Ein Merkmal der net.art ist seine Immaterialität, was sie damit auch schwer zugänglich macht. Der digitale Binärcode, aus dem sich alle Daten zusammensetzen, bleibt abstrakt im Gegensatz zu einem gemalten Ölschinken an der Wand.

Die Unbeständigkeit des Kunstobjekts ist aber kein Muß. Wie bei der Konzeptkunst ist die Aktion an sich entscheidend, das Konzept und die Interaktion, reale Endprodukte sind nicht wesentliche Bestandteile des Werks. Das ist aber nicht entscheidend, Eva Grubingers Arbeit Netzbikini wird durchaus real. Auf ihren Web-Seiten können die Besucher Schnittmuster ausgedrucken, die die UserIn ausschneiden soll, um daraus einen Bikini anzufertigen. Als Stoff sollte ein durchsichtiger gewählt werden, um den Netzcharakter zu unterstreichen. Danach soll die Trägerin ein Foto von sich machen und es an die Künstlerin schicken. Frau Grubinger sendet dann ihr Label, das angenäht den Bikini als Netzkunstprodukt ausweist.

Der Immaterialitätsbegriff stammt vom französischen Philosophen Lyotard, der 1985 mit seiner Ausstellung "Les Immateriaux" in Paris zeigen wollte, wie mit den Telekommunikationsmedien das Verschwinden der Materialität begonnen hat. Die Wirklichkeit wird im immateriellen Raum der Medien repräsentiert, so seine These, wobei der Raum nicht mehr physische Dreidimensionalität bedeutet, sondern "Cyberspace". Ort und Zeit haben in diesem virtuellen Raum keine Bedeutung mehr, die kürzeste Vebindung ist die Echtzeit, die real time und nicht mehr die tatsächlich zurückgelegte Strecke.

So wird bei Regina Frank die Grenze zwischen Räumen und Körpern überschritten. An wechselnden Performance-Orten überträgt sie ins Netz, wie sie Satzketten aus Pailletten auf ihr Kleid näht, die sie aus zusammengesuchten digitalen Texten und E-Mails kombiniert.

Beliebig viele Identitäten: Das Netz verändert den Identitätsbegriff. Ohne direkte Gegenüberstellung, ohne face-to-face, ist kein Identitätsnachweis mehr möglich. Geschlecht, Alter, ethnische Herkunft und Klasse werden manipulierbar wie bei Eva Wohlgemuths Bodyscan:
In einem Drahtgitterraum werden Tattoos auf ihren dreidimensionalen Körper projiziert und sollen Aufschluss über ihre ID, verschiedene persönliche Passwörter, ihre Kreditkarten- und Sozialversicherungsnummer geben.

Kontextlosigkeit: Ohne Kontext ist nicht ersichtlich, ob es sich bei der aufgerufenen Web-Seite um Kunst handelt oder um technische Fehler, die zu skurrilen Ergebnissen geführt haben. Genausowenig Aufschluß gibt eine Einordnung in das Kunstfeld, da die Unterscheidung zwischen Hochkultur und Pop aufgehoben ist. Wann sind also Seiten im Netz Kunst oder nicht? Ist es die der Studentin Jennifer Ringley, die mit ihrer Jennicam alle 20 Minuten einen Snapshot von ihrem Zimmer macht und damit noch vor Big Brother berühmt geworden ist. Da sie sich nicht explizit in einen Kunstkontext einbindet, ist es für den Rezipienten unmöglich zu wissen, ob sie ihr Leben als Kunstwerk betrachtet oder nicht.

Kontextlosigkeit ist aber ebenso ein Charakteristikum des WWW: Das Künstlerduo Jodi arbeitet mit der bewußten Irritation des Users. Bei ihren Projekten spielt der Browser verrückt, vervielfältigt sich und täuscht den Computerabsturz vor.

Mail an Verena Dauerer

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Diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am Di., 12-Jun-2001 18:05 .