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Den ganzen Tag hat eine kleine Gruppe von Reporterinnen und Reportern Bibelarbeiten, Vorträge, den Markt der Möglichkeiten besucht.
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Abendgebet zur Sache

Nachrichten

Abendgebet zur Sache
Nachrichten am Samstag, 16. Juni 2001


Abendgebet zur Sache
Nachrichten am Samstag, 16. Juni 2001


Göttingen. Mehrere Polizisten und Demonstranten sind bei Auseinandersetzungen am Rande eines NPD-Aufmarsches verletzt worden. Aus einer Gruppe von 300 Autonomen flogen Steine und Flaschen auf die Einsatzkräfte. Insgesamt protestierten am Nachmittag etwa 3.000 Menschen gegen den Aufmarsch von 500 NPD-Anhängern.
Frankfurt/Main. Von den weißen Kirchentagsschals gegen Gewalt werden zurzeit bereits 65.000 getragen.

Bibelarbeit beim liturgischen Tag Martin Niemöller. Superintendentin Gertraud Knoll aus Österreich sagt in Anspielung auf Jörg Haider: "Deutsche und Österreicher sind durch eine gespenstische Geschichte miteinander verbunden, die uns auf alle Zeiten in besondere Verantwortung nimmt. Kein "'tschuldigung' und auch kein "Pardon" oder "Sorry" sind da erlaubt."

Titusforum. Die Theologieprofessorin Dorothee Sölle fordert in ihrer Bibelarbeit zu "Talitha kumi", aufzustehen, um Widerstand zu leisten gegen die Besitzer dieser Welt: die weltweiten Handelsorganisationen, die billig produzieren wollen und dafür Menschen als Sklaven missbrauchen.

Bibelarbeit in der Karmeliterschule. Kennenlernen solle nicht dazu dienen, Unterschiede verschwinden zu lassen. Vielmehr sei es wichtig, die Andersartigkeit und Fremdheit anzunehmen. Das betont Ulrike Schmidt-Hesse vom Zentrum Ökumene der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Gerade im Bahnhofsviertel müsse man die Pluralität der Kulturen akzeptieren.

Bibelarbeit Messe Congess Centrum. Bundestagspräsident Thierse zu der Aufforderung Jesu, das Heilungswunder zu verschweigen: Er habe im Gegenteil den politischen Lehrsatz gelernt: ‚Tue Gutes und rede darüber'. "Meinetwegen," so Thierse, "Aber was ist, wenn nur noch geredet wird und das Gute nicht mehr getan wird?"

Die Mitbegründerin des Deutschen Hospizvereins Gustava Everding erteilt in ihrem Vortrag in der alten Oper der aktiven Sterbehilfe eine klare Absage. Die Hospizbewegung verstehe sich "als Hilfe beim Sterben und nicht als Hilfe zum Sterben", erläutert die Ärztin aus München und findet dafür im Publikum breite Zustimmung. Zugleich schließt sie einen Therapieabbruch nicht aus, da er keine Tötung darstelle, sondern das Zulassen einer Entwicklung, die zum Tode führe.

Pilgerweg Heilsamer Aufbruch, Bühne am Römer.
Zu Beginn des Pilgerweges vom Römer zur Universität, an dem einige 1.000 Menschen teilnehmen, werden Holzkreuze verteilt. Diejenigen, die zuerst ein solches Kreuz bekommen, können es während der Prozession weitergeben. Nach der ersten Station spricht eine jüngere Frau eine ältere Kreuzträgerin an: "Darf ich von jetzt an Ihr Kreuz tragen?" Die Angesprochene zögert einen Augenblick: "Ja, gern, diese Frage hat mir noch kein Mensch gestellt!"

Einen Kirchentag ohne schmerzende Fußsohlen gibt es nicht. Das Bremer Oasen-Café auf dem Markt der Möglichkeiten hat die Marktlücke entdeckt. Mit Wasserschüsseln und Handtüchern ausgestattet erwarten zahlreiche Jugendliche die müden Besucher. Zögernd stehen viele Menschen am Rand des Geschehens. Spätestens nach den ersten entspannten Ausrufen "Aah und Ooh, und tut das gut" lassen sich einige doch noch mit einem Fußbad verwöhnen.

Messe. Der oft zitierte weite Raum wurde für viele beängstigend eng hier auf dem Kirchentag. Sie fanden Hilfe im Zentrum Psychologische Beratung. Dort wurden auch einengende Alltagsprobleme in Einzel- oder Gruppengesprächen bearbeitet - angearbeitet. "Zum Glück gibt es auch zu Hause Beratungsstellen," sagt hoffnungsvoll eine Besucherin.

dpa-Nachricht von heute Nachmittag: In Berlin wurde Klaus Wowereit als neuer Regierender Bürgermeister gewählt. Eberhard Diepgen war zuvor durch ein Misstrauensvotum abgewählt worden.

Messe Congress Centrum. Die Forderung nach dem gemeinsamen Abendmahl bringe den ökumenischen Dialog nicht weiter, mahnt Professor Hans Joachim Meyer im "Forum Kurs Ökumene". Meyer, der auch Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken ist, sieht als wichtigstes Gesprächsthema das unterschiedliche Kirchenverständnis der christlichen Kirchen.

In seinem Vortag in Halle 6 sagte der Hamburger Theologe Fulbert Steffensky zum Thema Ökumene: "Lassen Sie nicht zu, dass der Gehorsam gegen die Kirchenoberen den Trost der Gemeinsamkeit zerstört."
Die "eigentliche Ökumene" sei die gemeinsame Aufmerksamkeit auf das, was Menschen angetan wird. Wenn die Ökumene nicht zu einer Ökumene der Aufmerksamkeit für die Tränen und das Brot der Welt werde, dann sei sie mit all ihren gemeinsamen Abendmahlen, den Glaubensgesprächen und mit ihrer wundervollen Toleranz überflüssig.

Der Ökumenische Kirchentag 2003 in Berlin wirft seine Schatten voraus. In einer Marktresolution zur ökumenischen Mahlfeier heißt es: "Das Kirchenvolk ist längst bereit!"

Messe, Geistliches Zentrum. Junge Menschen fahren zum nur Kirchentag, weil er ein Riesen-Event ist. Inhaltlich und spirituell seien sie wenig interessiert, wird gesagt. Wirklich? Wer einen Blick in Halle 1.1 wirft, wird vom Gegenteil überzeugt. Hier ist neben dem evangelischen Kloster auch der Gebetsgarten untergebracht, um das Vaterunser mit allen Sinnen zu erfahren. Und hier findet man auch die Jugendlichen. Ohne Murren nehmen sie Wartezeiten bis zu einer halben Stunde auf sich.
- 43 % der Teilnehmenden am Kirchentag sind jünger als 30.

Bockenheimer Warte. Das Frauen-Gedenk-Labyrinth erinnert an bedeutende Frauengestalten in Geschichte und Gegenwart. Viele Interessierte lesen die beschrifteten Steine. Während des Kirchentags wurde ein neuer Stein ins Labyrinth eingesetzt. Die Ehrung gilt Luise Schottroff als feministischer Befreiungstheologin. Leider konnte Frau Schottroff selbst nicht anwesend sein. Ihr seien fünf Zähne gezogen worden, hieß es.

Titus-Forum. Sehr anschaulich und mit Witz zeigen Frauen im Amt ihr Verhältnis zu Macht und Führung in der Kirche. Sie steigen auf Leitern, balancieren auf Wippen, hüpfen auf einem Trampolin und demonstrieren damit ihre eigene Stellung. Das Publikum erfährt: Individuelles Ausprobieren ist zu wenig. Die Frauen im Amt wollen ein Netzwerk herstellen und Strukturen klären. Sie wollen den Weg in Leitungsfunktionen anstreben und auch wirklich gehen.

Messe. Seit Donnerstag schon steht der Blutspendebus des Deutschen Roten Kreuzes vor Halle 1. Die Mitarbeiter freuen sich über die große Resonanz. Ungefähr 80 Leute pro Tag lassen sich "anzapfen" und informieren. "Besonders freuen wir uns über die vielen Erstspender," erzählt eine Mitarbeiterin. Gerade im Sommer sei es wichtig, viel Blut zu spenden, denn dann herrsche eine große Knappheit in den Krankenhäusern. Die "Blutkrise" in Frankfurt konnte scheinbar auch durch den Kirchentag nicht ausreichend gelindert werden.

Am Mainufer mischen sich Kirchentag und Flohmarkt, lila Bänder und weiße Schals, daneben Frauen mit Kopftüchern, türkische Straßenhändler und Trödelkrämer. Das ist Frankfurt: Alltag, der die Kirchentagsbesucher ganz selbstverständlich hineinnimmt in das multikulturelle Klima der Stadt.

Messe, Vortragsreihe In Vielfalt glauben. Grundsätzlich sei er kein Gegner von Globalisierung und Gentechnik, sagt Thich Nhat Hanh, vietnamesischer Buddhist. Aber er fordert die Menschen dazu auf, die Motive für diese Veränderungen zu ergründen. Denn Beweggründe wie Gier und Angst machten Globalisierung und Gentechnik wirklich gefährlich.

Festhalle, Forum Gentechnik. Vor der Präimplantations- stand die Pränataldiagnostik. Frauengesundheitsforscherin Irmgard Nippert weist darauf hin, dass die Pränataldiagnostik inzwischen öfter angewendet wird als bei ihrer Einführung vor 30 Jahren geplant: Jede 10. Schwangere lässt heutzutage eine Fruchtwasseruntersuchung durchführen. Schwangerenkonfliktberaterin Roswitha Schwab warnt deshalb: "Die Technik löst viele Probleme nicht. Es braucht mehr emotionale Unterstützung für die Betroffenen."

Festhalle, Forum Gentechnik. Professor Tewolde Egziaber aus Äthiopien warnt vor übertriebenen Hoffnungen in die Biotechnologie. Er fürchtet, dass gentechnisch verändertes Saatgut die Probleme der Dritten Welt verschärft. Die Industrie erlange mit ihren Patenten zunehmend Kontrolle über die Nahrungsmittelproduktion. Manfred Kern vom Life Science-Konzern Aventis hingegen rechtfertigt die Politik seines Unternehmens. Ohne die Biotechnologie sei die Nahrungsmittelversorgung der Weltbevölkerung nicht mehr zu sichern. Er weist aber darauf hin, dass die Biotechnologie nur eine Maßnahme unter vielen gegen den Hunger sei.

Geradezu umlagert sind die Stände mit Rechnern, Computerspielen und Internetzugang auf dem Markt der Möglichkeiten. Multimedia ist beliebt.
Im Forum Digitale Welten warnte Computerwissenschaftler Josef Weizenbaum gestern vor Illusionen in Sachen Internet. Für die Bildung reiche es nicht, Schulen ans Netz zu bringen. Die eigentliche Herausforderung bestehe darin, zum kritischen Umgang mit Informationen anzuleiten. Das gehe möglicherweise sogar besser ohne Computer.

Im Forum "In Freiheit bestehen" im Congress Centrum definiert Heiner Geißler: um "geordnet" zusammenleben zu können, seien drei Dinge Voraussetzung:
Erstens die Kenntnis der deutschen Sprache, zweitens die Sicherung der Menschenwürde, wie sie das Grundgesetz vorgibt. (Geißler dazu: "Um zu definieren, wer hier leben darf, brauchen wir keine deutsche Leitkultur.") Als dritte Voraussetzung nannte der Referent die Grundübereinstimmung zur Demokratie, was ein Ja zu den politischen Parteien einschließe. Gegenüber der PDS plädierte er für mehr Gelassenheit. Er zumindest habe da keine Berührungsängste. Geißler wörtlich: "Sie wissen ja, ich habe deswegen schon genügend Krach gehabt mit meiner Partei".

Messe Halle 7. Gleichzeitig mit dem Schwinden des christlichen Einflusses in Westeuropa brause eine gewaltige Erweckung durch die Welt, so der Theologe Walter Hollenweger. Es entstünden neue unabhängige Kirchen. Dass das Christentum weltweit stärker wachse als die Weltbevölkerung, ist diesen Kirchen zu verdanken.

Schon seit einer Woche sind sie in Frankfurt, die 4.000 jugendlichen Helfer aus ganz Deutschland. In der ganzen Stadt sorgen sie für den - mehr oder weniger - reibungslosen Ablauf des Kirchentags. Das bedeutet Stress: sechs Stunden am Tag tun sie Dienst in den Hallen und an den Eingängen zur Messe. Spaß mache es schon, so die jungen Leute mit den blauen Halstüchern. Man müsse vor allem versuchen, alles locker zu nehmen - zum Beispiel, wenn ein Kirchentagsbesucher rumpöbelt, weil er seine Dauerkarte zum fünften Mal am Tag vorzeigen muss.

Verkaufsstand vor dem Congress Center. Es gibt auf diesem Kirchentag kein T-Shirt, das zum Renner geworden wäre, antwortet ein Händler auf die Frage des Abendgebets. Am schlechtesten liefen T-Shirts mit politischen Inhalten. Jetzt müsse er sehen, dass er die Shirts auf dem Grünen-Parteitag los werde.

Die Super-Rio-Gipfel-Kreuz-Figur auf der Bubisbrücke trägt ein großes Pflaster auf der Hinterbacke. Die Verlockung, mit einem Nadelstich große Wirkung zu erzielen, war wohl zu groß.

Aus der Pressekonferenz zum Abschluss des Kirchentages:
Mit zwei Erfahrungen gehen Martin Dolde, Präsident des Frankfurter Kirchentages, und Elisabeth Raiser, Präsidentin des nächsten ökumenischen Kirchentages nach Berlin. Sie wünschen sich, dass die intensive Beteiligung der Kirchentagsteilnehmer auch in Berlin gelingt.
Ihr zweiter Wunsch: "Dass wir in Berlin weiterhin kontroverse Positionen und Diskussionen aushalten."


Samstag, 16. Juni 2000


Download: RTF, ToGO

 

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Diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am 14. Juni 2001.